CHARLOTTE ROCHE

"We just want the right to be different"

"Im Gegensatz zu den anderen kann ich wenigstens Englisch", schrieb Charlotte Roche 1998 an Viva - und wurde wenig später unter Vertrag genommen. Seitdem sorgt sie mit wilden Assoziationsketten, klarer Meinung und individuellem Kleidungsstil für Aufsehen. "Charlottig" charakterisiert der Sender ihre Art mangels bereits vorhandener Adjektive. Bis heute ist die Tochter eines Ingenieurs und einer Requisiteurin bzw. Politikerin die einzige Viva-Moderatorin, die auch außerhalb der Teenypresse achtungsvoll porträtiert wird. "Man hat fast immer das Gefühl, dass sie sehr genau weiß, wovon sie redet", betonte die Süddeutsche Zeitung (und schrieb damit unterschwellig: Im Gegensatz zu all den anderen). Die Woche attestierte ihren Moderationen "Wortsport auf höchstem Niveau, der in Form und Funktion durchaus mit der hinterhältigen Abgedrehtheit populärer deutscher HipHopper korrespondiert". Der Spiegel schrieb: "Ihre Schlagfertigkeit, ihre Lebendigkeit, ihr Sinn für ulkiges Chaos und ihr Charme sind ihr - wie man so sagt: natürliches - Kapital".


Das Faszinierendste daran: Charlotte Roche weiß selbst nur ungefähr, was sie sagen wird. Auf einem Teleprompter stehen in der Regel einige Stichwörter, die sie streifen möchte (etwa Kartoffelfeld), und dann redet sie einfach drauflos. "Das ist durch Fehler entstanden", berichtete sie dem Tagesspiegel. "Ich bin in meinen Moderationen vom Hölzchen zum Stöckchen gekommen und wusste am Schluss nicht, wie ich nun auf das nächste Video zu sprechen kommen sollte. Irgendwann haben wir gemerkt, dass das Charme hat und haben es ausgebaut."

Robbie Williams sagte zur Begrüßung etwas Ungewöhnliches

Neben dieser Unberechenbarkeit in der Moderation ist die zweimal Sitzengebliebene, die mit fünfzehn zuhause auszog, eine der ergiebigsten Interviewerinnen im deutschen Fernsehen. Stets gut vorbereitet, respektvoll und freundlich im Umgang, nie Nullfragen stellend. "Wenn ich mir Moderatoren angucke, die den Namen der eingeladenen Band falsch aussprechen - ich würde sterben vor Scham", erklärt sie ihr Interview-Verständnis. "Aus lauter Angst zu versagen male ich mir immer die schrecklichsten Horrorszenarien aus - dass eine Band wie U 2 mich beispielsweise plötzlich fragt, wie ihr zweites Album hieß. Und dann bereite ich mich so vor, dass ich das weiß." Erhält sie dann trotzdem unergiebige Antworten, kann es allerdings auch schon mal vorkommen, dass sie das Gesagte in doppelter Geschwindigkeit abspielt und mit "scheißlangweiliges Gelaber" untertitelt.


Als Kulisse der Interviews dienen meist unkonventionelle Orte: Mit Such A Surge spielte Roche Boccia auf einem Dach. Molokko testeten deutsche Würstchen, mit Ferris MC drehte sie in einer Pommesbude, und gemeinsam mit Mr. Gentleman ließ sie sich während des Gespräches Fangopackungen legen. Probleme gab es nur mit Iggy Pop, den sie in einem Bett liegend interviewen wollte: "Er kam rein und fing sofort an zu schreien: Wollt ihr mich verarschen? Das könnte meine Enkelin sein."
Davon abgesehen hat die Moderatorin, die mit acht aus England nach Deutschland kam, an viele Prominente angenehme Erinnerungen: "Tom Jones war zum Beispiel klasse. Der hat sich total darüber gefreut, dass ich lauter alte Platten von ihm dabei hatte, die er selbst nirgends mehr finden kann. Als ich bei Liam Gallagher ins Zimmer kam, saß der original am weißen Flügel und hat Imagine gespielt - das fand ich sehr rührend, weil der Typ dieses Klischee wirklich lebt. Robbie Williams hat mir die Hand gegeben und gesagt: Hi, ich bin Robbie. Kann ich dich ficken? Da denkt man sich dann schon: Seltsam, diese Popmusikanten."


Reflektion, die auch Niederschlag in ihren Ansagen findet. Videos der New-Metal-Band Limp Bizkit spielte die immer wieder für Emanzipation eintretende beispiels-weise eine Zeitlang nicht, "weil die Texte sexistisch sind und die scheißaggressive Tour jeden Sinns entbehrt". Später ging sie dann dazu über, die Clips zu spielen, vorab aber darüber zu lästern. Über George Harrison sagte sie: "Er wäre heute neunundfünfzig geworden, wenn er nicht mittlerweile mit John Lennon irgendwo sitzen und alle Paul Mc Cartney-Songs umschreiben würde". Auch über Kollegen macht sie sich gerne lustig - bevorzugt über Sophie Rosentreter, Ulrich Meyer und Alida Gundlach, die sie auch gut nachmachen kann.


Weiteren individuellen Stil entwickelte sie durch demonstratives In-die-falsche-Kamera-schauen, häufiges Pony-Hochpusten und ihren "Second hand-Lumpenfee-Kleidungsstil". Auf die Frage, ob sie schon mal daran gedacht habe, eine Kollektion herauszugeben, antwortet sie indes: "Ach, Klamotten sind ja letztendlich gar nicht so wichtig. Ich halte es da mit Pulp: Es geht nicht darum, irgendwen zu provozieren. We just want the right to be different."

"Was ich meiner Mutter angetan habe, dafür schäme ich mich noch heute zu Tode"

Dass Charlotte Roche nicht nur Gönner hat, soll selbstverständlich auch nicht verschwiegen werden. Wenn man schlecht gelaunt ist, findet man die Moderationen nicht selten nervtötend, penetrant und unerträglich. Sie selbst hat dafür durchaus Verständnis: "Niels Ruf und ich arbeiten ja beide nach demselben Prinzip. Wir reden uns um Kopf und Kragen und nehmen auf nichts Rücksicht. Ab und zu kommt da ziemlicher Mist bei raus, oft aber auch sehr tolle Momente", sagte sie zu Viva 2-Zeiten. Dass sie zur Vorbereitung Joints raucht zumindest wird von ihr bestritten: "Ich bin Kettenraucher, ansonsten naturbreit".


Ein Satz, den ihre Vergangenheit bestätigt: "Was ich meiner Mutter angetan habe, dafür schäme ich mich heute zu Tode. Als sie im neunten Monat schwanger war, habe ich mir zum Beispiel eine Glatze rasiert. Silvester habe ich mir heimlich Blut abgezapft, es getrunken und mir übers Gesicht laufen lassen - und dann bin ich laut um Hilfe schreiend durchs Haus gelaufen. Manchmal habe ich auch wochenlang nicht geduscht. Ich wollte die Leute ärgern - testen, ob die Liebe aufhört, wenn man sich nicht anpasst. Ich war ein Monster."


Neben der Moderationstätigkeit hat Charlotte Roche 2000 das Hörbuch "Speed Queen" veröffentlicht, schreibt für Allegra und arbeitet "an einem absurden Alltagsbericht aus meinem Leben" (Titel: "Die Bärte der Proleten"). Zusätzlich hat sie eine Band namens "Buongiorno Adorno", die sich jedoch weigert zu proben, geschweige denn aufzutreten. Wenn sie ein Auto wäre, sagte Charlotte Roche, in einem Interview, dann wäre sie wohl eine gelbe Corvette.
Charlotte Roche lebt zusammen mit dem Viva-Redakteur Eric Pfeil. Ende 2002 wurde Tochter Polly Roma geboren.
Homepage: www.slow-backward.de, geboren: 18.03.1978 in London

 

Moderierte Sendungen:

Fast Forward (VIVA 2, 1998-2001; VIVA, seit 2001), Trendspotting (VIVA 2, 2000/01