WOLFGANG LIPPERT

"Leidensweg vom Quoten-Ostler zum West-Showstar und zurück" (taz)

"Grabbel-Zoni", "Zangendieb", "Sexsüchtiger", "unangenehmer, distanzloser Ranschmeißer": Vieles hat sich Wolfgang Lippert in den letzten Jahren anhören müssen. Das Auf und Ab und die Gehässigkeiten des Showgeschäftes kennt kaum einer so gut wie er. Einst ein Star in der DDR und ab 1988 als "Gottschalk des Ostens" der erste grenzüberschreitende deutsche TV-Entertainer, wurde er 1993 bei "Wetten, dass...?" rausgemobbt, hatte unter dem Konzept der "Goldmillion" zu leiden und landete schließlich beim Kinderkanal. "Heute ist sein Leidensweg vom Quoten-Ostler zum West-Showstar und zurück vorerst abgeschritten", schrieb die taz 1995.


Bewahrt hat sich der Sohn eines Kapellmeisters trotz all dieser Erfahrungen einige Eigenschaften, die in der Branche selten sind: Er hat Herzensbildung, ist höflich und aufmerksam, besitzt "eine geradezu kindliche Begeisterungsfähigkeit" (Süddeutsche Zeitung) und ist ein Mann des Volkes. Die so genannten Kleinen seien ihm wichtiger als die Bestimmer, sagte er einmal von sich selbst. Was keine Floskel ist. So rief ihn beispielsweise mal eine Redakteurin von Bild München an und sagte, er brauche keine Angst zu haben, dass sie etwas Negatives über ihn schreibe. Als er Moderator bei "Wetten, dass?" war, habe sie als Volontärin gearbeitet und seinen Umgang mit den unteren Chargen immer sehr bewundert. Er war der einzige, der sich auch mal mit ihr unterhalten habe. Bühnenarbeiter berichteten, dass er vor der Premiere abends zu ihnen kam, fragte, ob sie eine Dose Bier für ihn hätten, und dann unterhielten sie sich erst mal eine Weile. "In der Kathedrale meines Herzens wird immer eine Kerze für dich brennen", sagte anschließend einer der Arbeiter zu ihm.


"Nach jeder Sendung war ein Riesen-Presseauflauf", berichtet Wolfgang Lippert, "aber mich haben wirklich damals viel mehr die interessiert, die von Schülerzeitungen kamen oder die in den hinteren Reihen standen. Die hatten meistens die besseren Fragen als die Rüden und Rohen".


Auf dem Bildschirm zeigte Lippert dann ebenfalls Herzlichkeit und Fingerspitzengefühl - etwa in der Sorgfalt, mit der er verstörten Menschen in der "Goldmillion" klarmachte, dass sie gerade eine Million Mark gewonnen haben. "In der ersten Sendung überraschten wir einen aidskranken, alleinlebenden überaus netten Mann", erinnert er sich. "Als der Geldkoffer überreicht wurde, schaute er mich fassungslos an und sagte: "Das kann doch gar nicht sein. Ich bin doch arbeitslos." Ich dachte: Was für Gedanken manchmal in Menschen vorgehen - als ob er es nicht wert wäre, etwas zu gewinnen, wenn er arbeitslos ist". Spontan lud der Neu-Millionär das Team in seine Wohnung ein, machte einen Kaffee und rief dann seine Mutter an: "Er sagte: Weißt du, wer bei mir ist? Der Wolfgang Lippert. Und dann hat er erst gesagt, dass er eine Million gewonnen hat. Das ist echt verrückt, wie die Leute in so einer Situation psychologisch überstrapaziert sind." Ein anderer Gewinner sagte kurz nach der Koffer-Übergabe: "Herr Lippert, Sie sind doch Kfz-Mechaniker. Ich hab so einen 200er-Mercedes. Da ist die Hinterachse kaputt. Ich habe eine bestellt und über dreißig Prozent Rabatt bekommen, die kostet mich jetzt nur noch eintausendvierhundert Mark".


Wolfgang Lippert sorgte in all seinen Sendungen dafür, dass die Kandidaten und Zuschauer gut da standen. Leute vorzuführen, ist nicht seine Sache. Bieder wie fast alle anderen ehemaligen DDR-Präsentatoren ist er als Moderator trotzdem nicht (höchstens vielleicht harmlos). Meist moderiert er flapsig, unbeschwert und spontan - nicht mit großer Witzausbeute, aber unkompliziert und aufgeschlossen für sich spontan ergebende Situationen.


Unterwürfigkeit ist seine Sache nicht. Eine kleine Geschichte, die der ehemalige DFF-Redakteur Hendrik Petzold in seinen Erinnerungen erzählt, ist da recht vielsagend: Zu einer wichtigen Sitzung bei der Chefin der DDR-Fernsehunterhaltung, Evelin Matt, sei Lippert im Jogginganzug gekommen, berichtete er. "Einen hübschen Strampler haben Sie da", sagte sie bei der Verabschiedung abschätzig. Darauf Lippert lässig: "Das ist so´ne Art Berufskleidung. Sie wissen doch, dass man sich in unserem Job ganz schön abstrampeln muss."

Eine seiner Fragen an Kosmonaut Sigmund Jähn war hochbrisant

Angefangen hatte "Lippis" Showkarriere in der DDR als Schauspieler und Sänger - nach Erfahrungen als Kfz-Mechaniker, Fotograf und Kameratechniker. Einem zweieinhalbjährigen Gesangs- und Klavierstudium 1978/79 folgten ein Auftritt im ersten DDR-Rockmusical "Rosa Laub" im Ostberliner Metropol-Theater, Engagements als Studiosänger bei Plattenproduktionen, eine Tournee mit eigener Rockband und schließlich die Schlager-Hits "Erna kommt" (1982) und "Was fällt dir ein?" (1983).


Ein Jahr später erhielt Wolfgang Lippert seine erste Samstagabendshow: "Meine erste Show", so der Titel. Im selben Jahr sorgte seine Kindersendung "He Du" für Zuschauerrekorde. Neuland betrat der Moderator zudem mit der ersten Live-Radio-Talkshow in der DDR 1987. Für Aufsehen sorgte dabei u.a. ein Gespräch mit dem Flieger-Kosmonauten Sigmund Jähn, den Lippert fragte, ob man sich auf so engem Raum in der Kapsel nicht auch mal streite. "Das war politisch hochbrisant. Denn ein DDR-Kosmonaut streitet sich ja nicht mit einem sowjetischen Kosmonauten. Das ist ja Freundesland". Als Sigmund Jähn dann über einen Streit berichtete, rutschte der ihn begleitende Politoffizier fast unter den Tisch: Man habe Bilder der Staatsober-häupter mitgehabt, die bei Übertragungen im Anschnitt zu sehen waren, berichtete der Kosmonaut. "Waleri Bykowski wollte die nach der Übertragung immer weg hängen, und ich wollte, dass die hängen bleiben". Lippert erinnert sich noch genau, wie es weiterging: "Ich sagte: Ich könnte mir vorstellen, anhand der Machtverhältnisse ist es so gemacht worden, wie Waleri Bykowski wollte, und da hat er gesagt: Stimmt. Daraufhin ist der Politoffizier gänzlich unterm Tisch versackt."


1988 folgte dann die Präsentation des "Kessel Buntes" und die Samstagabendshow "Glück muss man haben", bei der die Zuschauer einen Trabanten gewinnen konnten (Außenmoderatorin: Carmen Nebel, die damals noch rein sächsisch sprach)!
Zu dieser Zeit besaß der beliebte Moderator bereits den staatlichen Künstlerausweis der Sonderstufe ("S"; entsprach fünfhundert Mark Gage pro Auftritt) - was ihm ermöglichte, 1988 bei Radio Bremen "3 nach 9" zu moderieren und zwei Pilotsendungen des Ratespiels "Stimmt´s?" aufzuzeichnen: Einer Dreiviertelstunden-Sendung, in der Zuschauer raten mussten, welche Funktion ein bestimmter Gegenstand hat.


Kurz zuvor hatte bei Lippert indes noch das Telefon geklingelt, und jemand sagte: "Mein Name ist Frank Elstner". "Da fühlte ich mich verscheißert und meinte: Und ich bin Inge Meysel", erinnert sich der Moderator. Elstner war allerdings wirklich am Rohr und lud Lippert zu "Nase vorn" in die Deutschlandhalle ein. Der beschaffte sich offiziell ein Visum für einen Theaterbesuch in West-Berlin - und trat zur besten Sendezeit beim Klassenfeind auf! Ein Schachzug, der ihm tags darauf großen Ärger einbrachte. Beinahe hätte er seine Show "Glück muss man haben" verloren. Auch dass Lippert bei Radio Bremen Erich Honecker als "senilen Betonkopf" und seine Mitbürger als "eingemauerte Volksgenossen" bezeichnet hatte, sorgte nicht gerade für Begeisterung.


"Die Leute aus der DDR halten noch immer zu mir", beobachtet Lippert heute. "Dahinter steckt natürlich auch eine gewisse DDR-Nostalgie. Es ist so, als stammten wir alle aus einem Dorf, das es nicht mehr gibt." Auch bei seiner letzten "Wetten, dass...?"-Sendung in der Rostocker Stadthalle 1993 hatte es Standing ovations für ihn gegeben - natürlich nicht nur von "Ostlern". Lippert hatte mit der Samstagabend-Show sehr gute Quoten erzielt (Zwölf bis fünfzehn Millionen), musste sie jedoch wieder abgeben, nachdem Thomas Gottschalk bei RTL baden gegangen war und erneut Interesse signalisiert hatte.

So war es wirklich mit dem Zangendiebstahl

Mit seiner nächsten Show "Goldmillion" zugunsten der Aktion Sorgenkind erzielte der Moderator dann ebenfalls beachtliche Quoten: 10,26 Millionen bei der Premiere 1994. Bereits bei der fünften Folge hatten sich die Zuschauerzahlen allerdings halbiert. 1995 (inzwischen donnerstags statt samstags) schauten nur noch 1,7 Millionen zu - was zu manch üblem Verriss führte. "Ich sehe nicht ein, dass ich immer für Dinge gerade stehen muss, die ich nicht allein zu verantworten habe", grämte sich Lippert 1994 in einem Interview mit der Welt. Seine Forderungen nach einer Änderung des Konzeptes waren ungehört verhallt.


Neben den genannten Sendungen hat Wolfgang Lippert vertretungsweise den "Großen Preis" moderiert, führte durch die Talkshow "Leute bei Lippert" und die MDR-Spielshow "Glück muss man haben" und war kurzzeitig als Präsentator des "Traumtänzer-Varietés" und der Oldie-Nacht "Let´s have a party" zu sehen. Das bislang letzte dauerhafte Engagement erhielt er bei der "Wenn dann die Show": Einer großen Spielshow im Kinderkanal, bei der zwei Klassen zu Themen wie Weltraum, Meere oder Essen gegeneinander antraten.


Zuletzt im Gespräch war der Moderator durch eine Rolle als singender Fahrensmann Abellin und Bürgermeister Alcalde bei den Störtebeker Seefestspielen im Sommer 2000 bis 2003, den Kauf eines kleinen Kinos im Berliner Stadtteil Köpenick (das er jedoch wieder verkauft hat), Theaterrollen in "Eine total verrückte Entführung" (2001) und "Jedermann" (2002/03) und wegen eines "Zangendiebstahl" im Jahr 1997.
"Als das in der Bild-Zeitung auftauchte, lag der Vorfall bereits ein halbes Jahr zurück", stellt er klar. "Ich hatte die Zange eine Zeitlang in der Hand herumgetragen, weil es in dem Einkaufswagen keine Ablage gab. Als dann ein paar Fans kamen und ich ihnen Autogramme gab, steckte ich sie in Gedanken ein. Hinter der Kasse sprach mich dann ein Detektiv an, wir klärten den Vorfall, ich bezahlte die Zange, und die Sache war erledigt. Es war eine reine Fahrigkeit". Ein halbes Jahr später rief eine Bild-Redakteurin dann bei ihm an und sagte: "Ich war heute im Baumarkt, und da haben die mir so eine niedliche Geschichte erzählt…". "Die Sache war längst geklärt, aber eine Woche wurde darüber berichtet, und ich war für viele nur noch der Zangenklauer".


Bei Redaktionsschluss arbeitete Wolfgang Lippert als Producer der im Bundestag spielenden Kinderkanal-Sendung "Politibongo", die nach seiner Idee entstand, und als Co-Produzent einer Sendung über Verkehrserzíehung. Im Frühjahr 2003 wirkte er in dem Musical "Seemannstraum" auf dem ZDF-Traumschiff MS Deutschland mit.
"Als Moderator ist für mich zurzeit kein passendes Format vorhanden, und ich möchte nicht um jeden Preis Fernsehen machen", schildert er die aktuelle Situation. An aktuellen Projekten werde jedoch gearbeitet. Interessieren, sagt er, würden ihn vor allem generationsübergreifende Formate.


Wolfgang Lippert hat zwei Kinder namens Esther und Ole und lebt gemeinsam mit der Gastronomin Gesine Schönherr in Berlin. Zu seinen Hobbys gehören Rollerbladen, Fahrrad fahren und Segeln. Im April 2003 hat er einen Seeschein erworben.
Homepage: www.wolfganglippert.de, geboren: 16.02.1952 in Berlin-Kaulsdorf

 

Moderierte Sendungen:

Meine erste Show (DFF, 1984), He Du (DFF, 1984), Ein Kessel Buntes (DFF1, 1988), Glück muss man haben (DFF 1, 1988), Stimmt´s? (N3, 1988, 1989 auch SWF/WDR; ARD, 1989/90), Glück muss man haben (DFF/MDR, 1988-97), Künstler für Kinder (ZDF, 1988), 3 nach 9 (N3, 1988/89), Der große Preis (ZDF, 1991), Wetten, dass...? (ZDF, 1992/93), Goldmillion (ZDF, 1994/95), Traumtänzer-Varieté (HR), Leute bei Lippert (ORB), Let´s have a party (ZDF, 1996), Kleine Helden (ZDF, 1996), ZDF-Wintergarten (ZDF, 1997-99), Magic Las Vegas. Die größten Zauberer der Welt (ZDF, 1999), Wenn dann die Show (Kinderkanal, 2000/2001), Weltkindertags-Shows (Kinderkanal, 2000), Langer Samstag (MDR, 2002)