GÜNTHER JAUCH

Unfähig zur Heuchelei

"Bildung", so habe ich es mal definiert, "ist, wenn man sich angeregt mit allen Menschen unterhalten kann - egal, welcher sozialen Schicht sie angehören". Auf Günther Jauch trifft das auf jeden Fall zu. Ob ein Chirurg bei ihm sitzt oder ein Bauarbeiter - er findet immer einen Zugang zu seinen Kandidaten und Talkgästen.


"Günther Jauch zieht jedes Thema von der rationalen Ebene weg und reichert es mit Gefühl an", charakterisierte Körpersprache-Experte Samy Molcho. Die Zeitschrift Spiegel-Reporter hob Jauchs ausgeprägte Fähigkeit hervor, Pausen auszuhalten, zuzuhören und sich zu erinnern: "Sagt ein Kandidat bei "Wer wird Millionär?", dass er noch bei Mama wohnt, geht Jauch erst darüber hinweg und rechnet später den Gewinn in Socken um". Dazu kommt sein Interesse an Details, das ihn oft Fragen stellt lässt, auf die kein Kollege kommt. "Mich interessiert alles", bestätigt der Ex-Messdiener und -Pfadfinder. "Ich lese Zeitungen ganz. Ich weiß, welche Dachterrassenwohnungen seit einem halben Jahr vergeblich inseriert werden oder was ein 250er SL, Baujahr 76, mit einhundertdreißigtausend Kilometern kostet." Als liebste Beschäftigung nannte der Sohn eines Journalisten in einem Interview: "In Ruhe lesen. Sechs, sieben Stunden lang".


In den Gesprächen, die er führt, hält Günther Jauch stets eine gewisse Distanz. Die Prominenten, mit denen er sich duzt, kann man an einer Hand abzählen. Gleichzeitig hat er kein Talent zur Unterwürfigkeit. Ehrfurcht zeigt er so gut wie nie. Lieber unterhält er sich mit Königin Silvia übers Sockenwaschen oder fährt Gerald Ford, dem ehemaligen Oberhaupt des Weißen Hauses, unbekümmert in die Parade: "Typisch Präsident, er redet, bevor er gefragt wird."

"Ich habe sicherlich Probleme damit, mich in Gefühle fallen zu lassen"

Großspuriges Auftreten, so scheint es, ist ihm ein Gräuel. Quiz-Kandidaten, die den großen Maxen machen, lässt er entsprechend gern mal auflaufen. "Wir können hier nicht nur Fragen über Fußball machen", sagt er dann spöttisch. Oder: "Ins Kino geht er also auch nicht". Über eine angehende Lehrerin, die Ringelnatz für ein Tier hielt, äußerte er sich noch Monate nach der Sendung ehrlich betroffen. Oder sagte abschätzig in einem Focus-Interview: "Dieser Anlage-Berater, der wusste doch nicht einmal, wo die Pro-Sieben-Aktie steht. Wenn einer großkotzig auftritt und vor Hybris nur so strotzt und dann bei einer Lulli-Frage reinrumpelt, dann lass ich ihn eben untergehen."


Ein Dampfplauderer ist Günther Jauch nicht. Im Gegensatz etwa zu Thomas Gottschalk agiert er stets kopfgesteuert. "Ich habe sicherlich Probleme damit, mich in Gefühle fallen zu lassen. Ich kann nicht wahnsinnig genießen und total ausgelassen happy sein. Aber ich sorge auch dafür, dass mich kein Gefühl so runterzieht, dass ich total deprimiert bin", erzählte der Moderator 1989 der Zeitschrift Cosmpolitan. Thomas Gottschalk berichtete in einem Interview, dass Jauchs Fernsehpräsenz der privaten stark ähnele: "Günther und ich sind im Fernsehen authentische Figuren. Sein typisches Kopfwiegen, das macht er auch privat. Er ist eben ein Zauderer. Ich bin sofort für alles zu begeistern, aber er macht erstmal diesen spitzen Mund, spreizt die Fingerspitzen gegeneinander und zweifelt."


Heuchelei sei eine Eigenschaft, zu der er unfähig sei, so Jauch. Seine besten Eigenschaften seien Direktheit und Ehrlichkeit. Gleichzeitig versuche er mehrmals am Tag, sich neben sich zu stellen und zu beobachten, wegzugehen von der subjektiven Sicht, um zu einer gewissen Selbstironie fähig zu sein - was auch einer der Gründe dafür ist, dass er so bodenständig geblieben ist: "Wenn ich merke, dass ich abhebe oder schrecklich runterfalle, nehme ich den Verstand zu Hilfe."


Herumzuprotzen und Status-Symbole auszutragen, ist Jauchs Sache nicht. In "Boulevard Bio" erzählte er mal, dass er - selbst wenn er durstig sei - keine Dose Cola kaufe, die fünf Mark kostet, weil ihn solche Abzockerei ärgere. Zum Hertha-Spiel ins Olympia-Stadion fährt er gern mal per U-Bahn, um die Hand trägt er nach wie vor die Kommunionsuhr von Tante Clara ("Die geht jeden Tag zwei Minuten vor, und einmal im Jahr muss ich sie zum Justieren bringen. Das kostet so viel wie zwei Swatch-Uhren. Aber ich hänge an ihr"), sein Geld bewahrt er seit der Jugendzeit in einem Brustbeutel auf, und wenn man ihn sieht, wie er seinen Kopf vorhängen lässt und wippend läuft oder mit seinem hervorstehenden Eckzahn grinst, dann scheint es mitunter so, als sei er immer noch ein Student. "Der arme Kerl hat sein ganzes Leben lang so ausgesehen, als wäre er irgendwo zwischen Erstkommunion und Abitur hängengeblieben", so Thomas Gottschalk.

Immer noch die Kommunionsuhr von Tante Clara an der Hand

Nichtsdestotrotz ist Jauch der einzige Moderator in diesem Lexikon, bei dem man sich fragen muss, ob es überhaupt noch Zuschauer gibt, die ihn nicht mögen. Spätestens seit seinem Riesen-Erfolg mit "Wer wird Millionär?" gilt er als Alleskönner. Einer der wenigen, die sowohl Unterhaltung moderieren können als auch Politik und Sport. "Das aktuelle Sportstudio" brachte er ebenso locker und souverän über die Bühne wie den ZDF-Jahresrückblick "Menschen", das Infotainment-Format "Stern TV" und die Jugendsendung "Live aus dem Alabama", mit der seine TV-Moderatoren-Karriere begann. Aufgehört hat er mit der Talkshow schließlich, "als ich merkte, dass ich die Kids zwar professionell, aber ohne wirkliches Interesse ausfragte. Ich hatte keine Angst vor Lehrern, keinen Streit mit Eltern und den ersten Liebeskummer längst hinter mir."


1986 wurde das ZDF auf ihn aufmerksam und übertrug ihm die Moderation von "So ein Zoff" - der einzigen Jauch-Show, die nur wenige interessierte. Einem größeren Publikum bekannt wurde er dann durch die Moderation der Kuriositäten-Show "Na siehste": dem Nachfolgeformat der erfolgreichen Gottschalk-Show "Na sowas", das der an ihn abgegeben hatte, als er "Wetten, dass...?" übernahm.


An der Seite von Thomas Gottschalk war Günther Jauch in den Jahren zuvor bereits einen großen Karriereschritt nach vorn gegangen: Nach kurzzeitigem Jura-Studium und Abbruch der Münchner Journalistenschule hatte er seine journalistische Karriere 1977 als jüngster Redakteur beim Bayerischen Rundfunk begonnen: zunächst in der Sportredaktion, dann als "Zeitfunk"-Redakteur und Hörfunk-Korrespondent in Bonn. 1985 lernte er dann Thomas Gottschalk kennen und gestaltete zusammen mit ihm die neue "B3-Radioshow". Die ungezwungene Art des Gespanns zu moderieren und ihre Schlagfertigkeit machten die beiden schnell zu begeistert aufgenommenen "Radio-Legenden". "Nie wieder fiel den Öffentlich-Rechtlichen eine solche Antwort auf den Privatfunk ein", schrieb der Spiegel.


Kurz darauf machte Gottschalk dann als einer der ersten beim ZDF auf Günther Jauch aufmerksam. "Wenn der gesagt hätte, der Jauch hat keine Einfälle, wer weiß, ob sich meine Karriere so entwickelt hätte", so Jauch im Rückblick. Später moderierte er dann an der Seite von Gottschalk u.a. unvergessliche Funkausstellung-Live-Shows fürs ZDF, in denen sich beide gegenseitig zu köstlichen Aktionen und immer absurderen Sprüchen hochschaukelten.


Shows, die ebenso im Gedächtnis blieben wie Jauchs spätere Sternstunde als Sportreporter beim Champions-League-Spiel in Madrid. Achtzig Minuten lang mussten Marcel Reif und er überbrücken, weil das Tor umgefallen war. Was den beiden alles einfiel, war so ungeheuerlich, dass die Einschaltquoten während der Panne höher war als beim nachfolgenden Spiel! Eine sensationelle Leistung, mit der Jauch ein Talent unter Beweis stellte, das fast allen heutigen Moderatoren fehlt: das Überbrücken-Können von Pannen!


Gelegenheit, improvisieren zu lernen, hatte er bereits früh: als Außenreporter der ARD-Schatzsuche "Rätselflug" 1982/83. In diesem Action-Quiz mussten zwei Studiokandidaten drei Schätze finden. Unter Zuhilfenahmen von Landkarten, Reiseführern und Büchern dirigierten sie einen Hubschrauber mit Außenreporter Günther Jauch (gekleidet in Latzanzug). Der gab - unter Zeitdruck stehend - wirklich alles: ließ sich an Helikopterkufen hängend in zweihundert Metern Höhe umherfliegen, tauchte in versiffte Tümpel oder erstürmte ein buddhistisches Kloster, um die Mönche wild gestikulierend zur Hilfe bei der Schatzsuche in den Tempelanlagen zu bewegen. "Diese Sendung hätte ich nicht machen dürfen", sagt er im Rückblick. "Wir waren zu oft nicht gesichert. Das war viel zu gefährlich."


Davon abgesehen hat er indes nicht allzuviel zu bereuen. 1996 geriet er als Redaktionsleiter von "Stern TV" in die Schlagzeilen, nachdem der Filmproduzent Michael Born dem Magazin gefälschte Reportagen untergejubelt hatte. Jauch zeigte Born an, und das Gericht stellte fest, dass "Stern-TV" weder Anstifter noch Mitwisser gewesen sei. Kurzzeitig geriet er zudem in die Schlagzeilen, weil er für eine Drücker-Firma geworben hatte. Mit anderen Worten: Nicht der Rede wert. Jauch ist einer der wenigen Moderatoren, der die vielen Jahre im Fernsehen überstanden hat, ohne sich zu verbiegen - und ohne peinlich zu wirken. Ein Moderator, der seine Würde behalten hat.


Und wie geht es nun weiter nach seiner umjubelten, gemäßigt sadistischen Moderation von "Wer wird Millionär?" ("Sie wussten es ja schon", "Wenn es falsch ist, fallen Sie tief")? Gut vorstellbar wäre ein Einsatz als neuer "Tagesthemen"-
Anchorman. Bereits vor vielen Jahren habe Gottschalk ihm schon mal gesagt, "er könne ihn zum "heute-journal" vermitteln, er kenne den Strauß", berichtete Spiegel Reporter - und ergänzte: "Aber so wollte Jauch das nicht, und dann bekam CSU-Mann Sigmund Gottlieb den Job"... Schaun mer mal. Wie würde Jauch selbst sagen? "Sie haben noch ihren Joker".


Günther Jauch lebt mit seiner Lebensgefährtin, der Diplom-Psychologin Thea Sihler, in einem Jugendstilhaus in Potsdam ("Wir heiraten erst, wenn uns kein Mensch mehr danach fragt"). Das Paar hat zwei leibliche Töchter namens Svenja und Kristin und zwei Adoptivkinder namens Katja und Mascha, die in Sibirien geboren wurden.
geboren: 13.07.1956 in Münster


Moderierte Sendungen:

Live aus dem Alabama (BR), So ein Zoff (ZDF, 1987), Na siehste (ZDF, 1987-89), Das aktuelle Sportstudio (ZDF, 1988-), Menschen (ZDF, 1988-96), Stern TV (RTL, seit 1989), Millionär gesucht - die SKL-Show (RTL, seit 1998), Wer wird Millionär? (RTL, seit 1999), Champions-League (RTL), Die 10-Millionen-SKL-Show (RTL), Der große IQ-Test (RTL, 2001), 2002! Menschen, Bilder, Emotionen (RTL, 2002)