KARL DALL

"Mir geht es darum, die Leute vom Sockel zu holen"

"Sag mal was Interessantes. Die Leute schlafen uns schon unter den Fingern weg". "Wenn dir ne Taube auf den Kopf scheißt, dann ist das ja Hohlraum-versiegelung". "Du steigerst vor allem unsere Einschlaf-quote": Sprüche wie diese brachten einen völlig neuen Ton in die deutsche Talkshow-Landschaft. Suchten die Moderatoren bis dahin das kultivierte Gespräch, so ging es Karl Dall ausschließlich um Provokation. Der gelernte Schriftsetzer ließ seine Gäste kaum einen Gedanken zu Ende bringen, führte sie vor, wo es ging, und forderte ihnen vor allem Schlagfertigkeit ab. Ansonsten hatten sie keine Chance.


"Mir geht es darum, die Leute vom Sockel zu holen und ihre Eitelkeit zu durchbrechen", erläuterte er 1999 in einem Spiegel-Interview. Eine Strategie, die mehr als einmal gelang - etwa, als er Roland Kaiser fragte, ob der "wieder eine neue Platte auf den Wochenmarkt geschmissen" habe. Anschließend sagte er abschätzig: "Na, sing schon, damit wir es hinter uns haben" - woraufhin der Sänger verärgert aufstand und ging. Eigene Pointen feierte der skurrile Talkmaster gern durch Sprüche wie "Lass die Leute doch erst mal auslachen". Auf hinter den Kulissen geäußerte Bitten um Schonung ging der Sohn eines Schulrektors und einer Lehrerin nicht ein. Im Gegenteil: Manchmal heizte er die Stimmung sogar noch absichtlich an: "Einmal waren ein junger Moderator und der Schauspieler Gert Haucke zu Gast. Dem Moderator habe ich vor der Show gesagt: Der Haucke kann dich nicht leiden. Und zu Haucke meinte ich: Der hält dich für einen mittelmäßigen Schauspieler. Da kamen die beiden auf die Bühne schon wie so Pferde".


Gekleidet in ein aus der Mode gekommenes gestreiftes Hemd und Lederweste (ab 1999 in Anzug) trank Dall dann während der Talks ein Bier nach dem anderen, beherrschte die Kunst, durch Pausen und gleichzeitiges schiefes Schauen für Lacher zu sorgen und feuerte anschließend die nächste polemische Frage ab. Manch ein Prominenter - etwa die Musikerin Inga Humpe - war durch diese Art so eingeschüchtert, dass er kaum zwei Sätze zustande brachte. Dabei wäre es gar nicht so schwer gewesen, mit etwas Vorbereitung gut dazustehen. Immer, wenn die Gäste beispielsweise mit Details aus Dalls Biographie konterten, hatten sie ihn entwaffnet.

In "Begierde im Wald" spielte er einen Voyeur, der sich hinter Kuhschwänzen versteckt

Betrachtet man die Biographie, kann man nämlich nur folgern, dass ein wesentliches Motiv seiner zurückliegenden Arbeit war, schnell Geld zu verdienen. Lieder wie "Leila" oder "Millionen Frauen lieben mich" (1988) beispielsweise verursachen bei manch einem Hörer körperliches Unwohlsein. Auch die Filmographie des Blödlers steckt voller Höhen und Tiefen. Schräge Hippiekomödien wie "Quartett im Bett" (1968, ausgezeichnet mit dem Ernst-Lubitsch-Preis) stehen Seite an Seite mit dem Neue-Deutsche-Welle-Film "Gib Gas, ich will Spaß" (1982), in dem er einen Lastwagenfahrer, einen Busfahrer, einen Fahrkartenkontrolleur und einen Kapitän spielt, mit der so erfolgreichen wie flachen Komödie "Sunshine Reggae auf Ibiza" (1983) und dem Nacktfilm "Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald" (1970), der wegen Erfolglosigkeit umbenannt wurde in "Lass uns knuspern, Mäuschen" - und als das nicht lief schließlich in "Begierde im Wald". Dalls Rolle: Ein Voyeur, der sich hinter Kuhschwänzen versteckt.


Auch seine "Verstehen Sie Spaß"-Auftritte als Filmvorführer, Spaßtelefonierer und Vogel, der von der Decke schwebt und Kurt Felix mit Farbe vollspritzt (1984), waren nicht gerade der Komik letzter Schluss. "Die Gürtellinie wird jeden Abend neu definiert", sagte Dall einst über seine Auftritte - und wiederholte in seinen Talkshows gern den Spruch: "Komm, lass uns erstmal die nötige Primitivität ansaufen". Ein Journalist schrieb über ihn: "Ein guter Gag geht ihm immer über gute Manieren - ein schlechter erst recht".


Den Anfang hatte Dalls Komik-Karriere genommen, als er nach abgebrochener Mittelschule, sechsjähriger Tätigkeit als Schriftsetzer (1962-68) und Tätigkeiten als Komparse, Kulissenschieber, Pflastermaler und Bänkelsänger "in einer Kneipe die Saufschulden nicht bezahlen" konnte und deshalb zu kellnern anfing. "Zu der Zeit war ich ein Gammler und ziemlich allein", schaute er in einer Talkshow zurück. "Weihnachten wollte die Kneipe eigentlich dichtmachen. Damit ich mit anderen zusammensein konnte, habe ich aber eine Weihnachtsfeier organisiert und Gedichte aufgesagt."


Im Lauf dieser Feier kam auch Ingo Insterburg vorbei, der zu dieser Zeit als Guitar-Ingo durch verschiedene Bars tingelte. Einige Wochen später trafen sich die beiden dann wieder und gründeten schließlich 1967 die schräg-anarchistische Blödeltruppe "Insterburg & Co.": Ein Quartett, das sich mit seinen unberechenbar-kreativen Auftritten schnell zu einem Geheimtipp in der Studentenszene entwickelte. Auch das Fernsehen kam schließlich auf sie zu. Dort sorgten sie dann allerdings für einen Fauxpas. "Wir hatten über Königin Elisabeth gedichtet: Die trank im Dom ne Weiße. Der Papst, der hat sie trinken sehn und sagt: Das find ich scheiße", berichtet Karl Dall. "Das war damals schon ein kleiner Skandal".


Für noch mehr Aufregung sorgte ein Spruch bei einem Solo-Auftritt im "Musikladen". Dort hatte Dall 1981 (Insterburg & Co. hatten sich 1979 aufgelöst) über Heino und Peter Alexander gelästert: "Wenn Heino Konzerte gibt, hat er immer nur abwaschbares Plastikgestühl. Bei Peter Alexander werden Kotztüten verteilt". Regisseur Mike Leckebusch erteilte dem Komiker daraufhin ein einjähriges Fernsehverbot - was tags darauf in der Bild-Zeitung stand: "Das habe ich ernstgenommen und ein Jahr lang dem deutschen Fernsehen verboten, mich zu engagieren", so Dall. "Als ein Redakteur anrief, sagte ich: Nein, noch sechs Monate. Da hat er sich bedankt und eingehängt. Schließlich wurde das Verbot dann offiziell angenommen".


Erneut in die Schlagzeilen geriet Dall 1992, als er mit seinem Talkkonzept für zehn Millionen Mark von RTL zu Sat.1 wechselte - begleitet von Riesenknatsch und Prozessen. Ab 1997 war er dann indes wieder mit einem ähnlichen Konzept in "Karls Kneipe" und der "Karl-Dall-Show" auf RTL zu sehen.

Einen Nachbarn ärgerte er, indem er alle Äpfel der Obstbäume anbiss

Neben den genannten Sendungen war Karl Dall u.a. als Kantinenwirt in der "Plattenküche" zu sehen, moderierte auf Radio Luxemburg und im WDR, trat in einer Kasseler Inszenierung der Operette "Die Fledermaus" als Gefängniswärter Frosch auf, beteiligte sich an der RTL-Sendung "Sieben Tage, sieben Köpfe" und führt seit dem Sommer 2003 durch das Kabel 1-Retro-Quiz "Weißt Du noch?". Seine erfolgreichsten Tournee-Programme hießen "Lach dich schlapp" (1980), "Euch mach ich fertig" (1986) und "Dall trifft Albers" (2001). Abgesehen davon arbeitet Dall sozusagen als Wiederaufbereitungsanlage und recycelt reflexartig seine alten Sprüche.
Sinn für abstruse Komik hatte der "Dienstleistungs-Sadist" (Spiegel) übrigens schon früh bewiesen: Als Sechzehnjähriger schrieb er in einem Aufsatz zum Thema "Der Tag meines Lebens in zehn Jahren": "In diesem Jahr führt mich meine Hochzeitsreise nach Ostfriesland, und natürlich versäume ich nicht, das Grab meines verstorbenen Deutschlehrers zu besuchen". Später ärgerte er dann einen Anwohner in Leer, der auf seinen Obstgarten stolz war, indem er eines Nachts auf alle Bäume kletterte und jeden Apfel anbiss.


Seine Lidmuskellähmung am rechten Auge verstärkte gewissermaßen den Eindruck, er sei ein ausgekochter Strolch. Noch nachdem er jahrelang im Fernsehen zu sehen war, glaubte manch ein Zuschauer, es handele sich um eine Inszenierung, die lustig wirken solle. "Als ich was an dem Auge machen lassen wollte - in der Zeit zwischen zwölf und siebzehn - ging´s nicht. Mit einundzwanzig Jahren wäre es dann für zweihundertfünfzig Mark möglich gewesen", so Karl Dall. "Aber da war ich soweit, dass ich´s nicht mehr brauchte. Darüber konnte man sehr gut sondieren, wer ein Arschloch ist und wer nicht - wer zu mir sagte: Eijh, Klappauge oder Jalousienauge und wer nicht. Das hat mich stark gemacht".


Verheiratet ist Karl Dall seit 1971 mit Barbara, geb. Linkiewicz. Die Tochter der beiden heißt Janina. In naher Zukunft, so der Komiker, würde er gern mal eine Filmrolle "gegen den Strich" spielen: Einen gebrochenen Charakter, der eine gewisse Traurigkeit vermittelt".
Homepage: www.karldall.de.vu, geboren 01.02.1941, Emden.

 

Moderierte Sendungen:

Brettl-Talk (SDR, 1984), Dall-As (RTLplus, 1985-92), Koffer Hoffer (Tele 5, 1991; DSF -1993), Jux und Dallerei (SAT 1, 1992-94), Karls Kneipe (RTL, 1997), Die Karl-Dall-Show (RTL, 1999-2001), Lachen zum Glück (ARD, 2002), Weißt Du noch? (Kabel 1 2003)